Katharina Monka

Katharina Monka

please scroll down for english version


Text Video

Das Stehen eines Aktes, der weder in symmetrischer Frontalität erstarrt ist noch sich über die Stelle hinaus bewegt, an der er steht, bildet die Grundlage einer "klassischen" Skulptur. Um 450 vor Christus wurde ihr "Kanon" vom griechischen Bildhauer Polyklet geschaffen. Die Standfigur bewegt sich lediglich in sich, ein Bein trägt den Körper (Standbein), während das andere leicht angewinkelt herabhängt (Spielbein). Aus den geringen Verschiebungen des Rumpfes, der Schultern und des Kopfes gegenüber der körperlichen Symmetrie lassen sich die "kontrapostische" Spannung und Entspannung von Muskeln und Knochen und die Hebung und Senkung der Körperteile in Bezug zur Schwerkraft erkennen. Der sich einfühlende Blick des Betrachters reicht unter die Oberfläche der Skulptur; dies war die große Leistung der griechischen Klassik.

Der fotografierte Akt nimmt im verhaltenen Kräftespiel von Gliedmaßen, Rumpf und Kopf die Position einer klassischen Skulptur ein. Doch handelt es sich um kein starres Gebilde aus Bronze oder Marmor, das von dieser inneren Balance mit Bewegung erfüllt wird. Es ist ein lebendiger männlicher Körper, der sich für den Moment der Fotografie in die ruhige Position einer Standfigur zwingt. Der Akt erzeugt zwei Arten des Blicks. Der Nachvollzug des skulpturalen und in sich ausbalancierenden Körperbaus wird plötzlich – und immer wieder – aufgehoben durch die ganz andere Wahrnehmung eines Fotos, eines nackten Mannes, seiner Behaarung, seiner Individualität und seines erigierten Geschlechts.

Eine weitere Wahrnehmungsschicht, ein weiterer Blick, kommt hinzu. Nur im entfernteren Sinn bildet der "Kanon" des Polyklet das statuarische Vorbild für den fotografierten Akt. Bei ihm erscheinen Rumpf und Kopf nicht vom Standbein gewissermaßen getragen, sondern der Kopf neigt sich zur anderen Seite, auf der das Spielbein keine Unterstützung bietet, und auch der Arm hängt auf dieser Seite betont lose und senkrecht herab. Man spürt die abwärts gerichtete Schwerkraft, wogegen der andere Arm hinter dem Rücken zum hängenden hinübergreift und dadurch Halt findet. Das Verhältnis von Tragen und Lasten, das sich in den Beinen andeutet, verwandelt sich in einen schwerelosen Bewegungsfluss, der auf der einen Seite vom Standbein aus aufsteigt und im geneigten Kopf ausklingt. Vom abwärts gerichteten Blick scheint auf der anderen Körperseite eine fallende Bewegung über den hängenden Arm bis zum angewinkelten Bein und zum leicht gedrehten Fuß herabzufließen.

Ein Auf- und Absteigen durchzieht als Bewegung den Körper, ohne von ihm ausgeführt zu werden. Man spürt etwas Passives, ein inneres Bewegt-Sein, hinter dem ebenfalls eine berühmte Skulptur steht: die "Große Sinnende" von Wilhelm Lehmbruck. Die fotografierte Pose antwortet spiegelbildlich dieser weiblichen Figur von 1913, deren langgezogener Körper ebenso von einem inneren Auf- und Absteigen durchdrungen wird. Ihre Bewegung kennt kein Außen, sie richtet sich ganz auf sich selbst und lässt keine Antwort zu. Auch nicht von einer anderen Skulptur, einer männlichen, die wir nur von einer Fotografie her kennen. Sie wandte sich in den Raum hinaus; Lehmbruck hatte sie vielleicht als Pendant zur Einsamkeit der weiblichen konzipiert.

text video english

Creating a nude that stands so that it is neither frozen in a rigid symmetrical frontal pose nor moves forward beyond its ascribed place, is the foundation of a 'classical' sculpture. Its 'canon' was created by the Greek sculptor Polycleitus around 450 BCE. The standing figure moves solely in itself, one leg carries the body (the engaged leg), while the other, slightly bent and heel raised, points downward (free leg). The faintest shifting of the torso, the shoulders and the head out of the symmetry of the body gives rise to the 'contraposed' tension and relaxation of muscles and bone structures, while the rising and sinking of parts of the body become discernible in relation to the pull of gravity. The empathetic gaze of the viewer is induced to slip in under the surface of the sculpture. This was the great achievement of Greek classicism.

The photographed nude, in the restrained play of forces between limbs, torso and head, adopts the pose of a classical sculpture. But this is not some stern figure made of bronze or marble that is filled with the movement of such inner equilibrium. It is a living male body that is forced to constrain itself into the calm pose of a standing nude for the moment it is photographed. The nude generates two kinds of gaze. The retracing of the sculptural and internally balanced physique is suddenly – and repeatedly – nullified by the very different perception triggered by the photo, the photo of a naked man, his hairiness, his individuality and his erect genital.

A further perceptual layer, a further gaze, is then added. It is only in a distant sense that the "canon" of Polycleitus forms the statuary model for the photographed nude. Here the lower back and head are not carried by the standing leg, but the head leans to the other side, where the free leg offers no support, and the arm on this side also hangs down loosely. One senses the downward pull of gravity, whereas the other arm reaches behind the back over to the hanging arm and so finds stability. The relationship between carrying and loading, indicated in the legs, metamorphoses into a weightless flow of movement, which rises on the one side from the standing leg and finishes in the tilted head. On the other side of the body, a dipping movement seems to run from the downward gaze, via the hanging arm, to the bent leg and slightly turned foot.

An ascending and descending permeates the body as a movement, although not performed by the body as such. One senses something passive, an inner sense of being-moved, behind which another famous sculpture stands: Wilhelm Lehmbruck's Große Sinnende. The photographed pose replies conversely to this female figure from 1913, whose elongated body is also saturated with an inner ascending and descending. Her movement has no external reference point, it is completely oriented on itself and permits no reply. Not even from another sculpture, a male one that we only know of from a photograph. It turned away and into the space; Lehmbruck had perhaps seen it as the pendant to the solitude of the female sculpture.

A00117 / 2017


Darstller: Enis Turan

Text Video: Erich Franz


A00117 sculptural installation : plasterboard, metal stud frame, MDF, wall paint, 12 x 2,60 x 6 m

F00117 : photography , 67,7 x 38,4 cm / FS00117.1 : photography, 163 x 123 cm / FS00117.2 : photography,

163 x 123 cm / FS00117.3 : photography : 163 x 123 cm / FS00117.1RahmenObjekt : MDF and wall paint, ca 136x123x54 cm / FS00117.2RahmenObjekt : MDF and wall paint, ca 136x123x27 cm / FA00117.1Objekt : MDF and paint, ca. 60 x 50 x 30 cm / FA00117.2Objekt: MDF and paint , ca. 40 x 30 x 30 cm / FA00117.3Objekt: MDF and paint, ca. 16 x 40 x 40 cm / F00117 : video, ca. 5 min.