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Katharina Monka

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Marion Eisele

zu Ins00316


Katharina Monkas Werke sind im mehrfachen Sinne referenziell. Sie stellen Bezüge her, oft zu sich selbst, oder besser: zu früheren Versionen ihres Selbst. So durchzieht auch die mehrteilige Arbeit Ins00316 ein wiederholter Rückgriff – der sich aber nicht in Selbstbezüglichkeit erschöpft, sondern vielmehr als analytische Methode erweist.


Ausgangspunkt des Werkes ist ein Brief an die Zarin von Russland, geschrieben von dem Dichter Wassili Andrejewitsch Schukowski, der bei seinem Besuch in Casper David Friedrichs Atelier das noch unfertige Bild Mondaufgang über dem Meer (1821) sah und ihr zu dessen Kauf riet. Der Brief – auszugsweise auf dem blendenden Plakat Monkas zitiert – berichtet von dem Bildinhalt des Gemäldes, aber auch von dessen Stimmung, Lichtverhältnissen und Atmosphäre. In der flankierenden Fotografie zweier nackter Männer lassen sich Analogien erkennen. Doch statt an der Küste sehnsuchtsvoll aufs Meer zu blicken stehen sie in Rückansicht in einem sterilen Raum und lesen einen Text, der auf einem Blatt an der Wand hängt. Man fragt sich, ob die romantische Faszination über die Natur heutzutage einer rein beschreibenden Imagination gewichen ist. Zwei gleißende Neonlampen ersetzen in der zeitgemäßen Interpretation gleichsam den Glanz des Mondaufgangs, was die Frage nach dem Verlust von Kontemplation im Freien intensiviert. Diese und weitere "Requisiten", wie Skulpturen aus glänzendem Blech und schwarze MDF-Konstruktionen, tauchen im Ausstellungsraum wieder auf. Der Bildraum wurde in die Galerie erweitert. Auch den Frauen aus dem Meisterstück Friedrichs wird erst außerhalb der Fotografie auf einer Sitzbank Platz eingeräumt. Die Frauen, die "in stiller Hoffnung" auf den Felsen sitzen, das sind wir – sofern wir denn platznehmen.


Das Einbeziehen des Betrachters ist ein Moment, der immer wieder in den Arbeiten von Monka eine Schlüsselrolle spielt. Entweder agieren Personen innerhalb der Arbeit mit den Besuchern, was durchaus sehr beiläufig oder zurückhaltend geschehen kann, oder der reinen Gegenwart des Betrachters liegt eine Handlung zugrunde, die für das Werk konstitutiv ist. In A00116 untersucht sie beispielsweise das Verhältnis von Ausstellungsituation und Installation im Abbild ihrer sprachlichen Übersetzung. In einer Closed-Circle-Situation schreibt ein Performer über die Ausstellung in der er sich befindet und in welcher sein Text synchron auf einer Wandprojektion erscheint und so zum Gesprächsthema der Besucher wird. Das räumliche Arrangement, der Text und das Verhalten der Besucher nehmen untrennbar aufeinander Bezug.


Dieses komplexe Zusammenspiel von Körper, Werk, Text, Raum, Situation und Perspektivwechsel zeichnet Monkas konzeptuelle, künstlerische Auseinandersetzung aus. Auch Ins00316 ist eine vielschichtige Re-Inszenierung. Wie die einzelnen Objekte in realer und reproduzierter Form auftauchen, so inkorporiert die Präsentation eine frühere Version der Arbeit, die 2016 im Kunstmuseum Celle zu sehen war. Digitale Prints, die mittels Fotografie veränderte Blickwinkel, Vergrößerungen und Detailbetrachtungen ins Werk einfließen lassen, erweitern und verdichten die mehrfache Reproduktion. Das "Gleiche" wird neu verhandelt. Die Lücken und Brüche, die zu der früheren Ausstellungsituation und zu dem eigentlichen Quellenmaterial – die zwischen Bild und Abbild, zwischen Objekt und Erscheinung – entstehen, offenbaren gekonnt die unterschiedlichen "Sprachen" der Medien. Sie lassen deren immanenten Strukturen zu Tage treten und beschreiben zugleich ihre Wandelbarkeit.


Die Arbeiten Monkas entfalten ihr reflexives Potential subtil und leise – oft erst im Nachhinein. Die wiederholte Adaption veranschaulicht spürbar, dass Wahrnehmung in Wirklichkeit eine Frage von Perspektive, Medium und Imagination ist. Und obgleich ihrer konzeptuellen Dichte, treten die Werke als Installationen und Einzelobjekte äußerst sinnlich und einfühlsam in Erscheinung.